Dienstag, 3. Mai 2016

Aus dem Nähkästchen - Standards

Bei TTIP geht es auch um standardisierte IT. Ich halte das für eine Gefahr.

Ich plaudere hier mal aus dem Nähkästchen von meiner Zeit bei ISO / IEC JTC 1 SC32 WG 3.

ISO/IEC 9075 ist der SQL-Standard.

Ich war mehrere Jahre Mitglied und Gast von ISO/IEC JTC 1 SC 32 - Data Management and Interchange

ISO steht für Internationale Standard Organisation. Der Name wurde so gewählt, dass die Abkürzung in Englisch, Französisch, Russisch und anderen Sprachen, wie Deutsch, funktioniert.

IEC steht für International Electrotechnical Commission. Das ist die Standard-Kommission für Standards aus der Elektrotechnik.

JTC steht für Joint Technical Committee. Es gehört zu ISO. JTC 1 ist die Entwicklungsumgebung, in der Experten zusammenkommen, um weltweite Standards auf dem Bereich Information and Communication Technology (ICT) für Geschäfts- und Verbraucheranwendungen entwickeln.

SC steht für Standard Committee. SC 32 ist das Gremium für Datenmanagement und Austausch.

Der oben genannte SQL Standard ist nur einer von vielen Standards, die in diesem Gremium entwickelt werden.

Das Gremium ist noch einmal in vier Workgroups (WG) unterteilt.

WG 1 - e-Business
WG 2 - Metadaten
WG 3 - Datenbanksprachen
WG 4 - SQL Multimedia und Applikationspakete

Das internationale Gremium setzt sich aus Vertretern der Gremien der Mitgliedsländer zusammen. Jedes Land hat eine Stimme. Egal wie viele Gesandte die USA oder Japan schicken. Sie haben trotzdem nur eine Stimme.

Australien, Österreich, Belgien, Brasilien, Kanada, China, Tschechien, Dänemark, Ägypten, Finland, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Südkorea, Niederlande, Norwegen, Portugal, Russland, Schweiz, Großbritannien und die USA sind in diesem Gremium Mitglied.

Bei anderen Standards können es andere Länder sein.

Die Landesvertretungen werden von den nationalen Gremien gestellt. In Deutschland von DIN, in den USA ANSI, in Großbritannien vom BSI usw.

Ich selbst war erst bei ANSI. Doch dann fragte mich die Delegation von Deutschland, warum zur Hölle ich USA und nicht Deutschland mit vertrete. Sie holten mich zu DIN.

Ich stellte fest, es ist sogar geschickter, in einem kleineren Land zu sein, da ja am Ende eh jedes Land nur eine Stimme hat.

In den Gremien der Länder sitzen Vertreter aus Wirtschaft, Forschung und ggf. anderen Interessen.
Um das Gremium aufrecht zu erhalten, muss es mind. 3 Mitglieder aus unterschiedlichen Interessensverbänden haben. Besteht ein Gremium nur noch aus Mitgliedern der Forschung legt DIN es irgendwann schlafen (zu meiner Zeit passierte das mit einem Gremium für Programmiersprachen).

Wer ins Gremium aufgenommen wird, entscheidet in USA und Deutschland das Gremium.
Die Organisation ist Mitglied aber es ist eine persönliche Mitgliedschaft. Das ist schon schräg. Das heisst, mein Arbeitgeber ist Mitglied, aber das Gremium möchte genau mich als Experten und nicht meinen Kollegen Fritz Müller.

Da es ein internationaler Standard ist, kostet die Mitgliedschaft in Deutschland und auch in den USA etwa 1200 Euro im Jahr. Dafür darf sich die Organisation "Mitglied in DIN" auf die Fahne schreiben.

Das ist für communitybasierte Open Source bzw. Free Software Organisationen schon sehr teuer. Zumal hier häufig gar keine eingetragene Organisation hinter steht, die Mitglied werden könnte.

Auch ich bin dort nur hereingekommen, weil Sun Microsystems ein großer Sponsor von PostgreSQL war und darüber hinaus noch MySQL gekauft hatte. Ich galt als Experte für beide Systeme und wurde von dem ANSI Gremium als Vertreter für Sun Microsystems anerkannt.

In Amerika saßen IBM, Oracle, Microsoft und eine Vielzahl anderer im Gremium. Aber jede Organisation hatte nur einen Stimme. IBM hatte zwar Vertreter für DB2 und für Informix im Gremium, aber sie mussten sich immer einigen und hatten gemeinsam nur eine Stimme. In Amerika war es in den Meetings häufig Oracle vs. IBM.

In den Ländern werden Vorschläge für Änderungen und Erweiterungen des Standards entwickelt, die dann dem internationalen Gremium vorgelegt werden. Amerika hatte immer sehr viele Vorschläge. Es gab aber auch bei Oracle und IBM gleich mehrere Mitarbeiter, die das Thema mehr oder minder Vollzeit verfolgten.

Deutschland holte mich, als Sun Microsystems von Oracle gekauft wurde. PostgreSQL war zu der Zeit bei Sun Microsystems schon verdrängt worden. Ich sollte MySQL vertreten. Da ich mit dem Oracle-Vertreter in einer Organisation arbeitete, stimmte das deutsche Gremium darüber ab, ob die Regeln: "eine Stimme je Organisation" nicht in: "eine Stimme je Interessenvertretung" aufgeweicht werden. Es war einstimmig. Das deutsche Gremium war dem Open Source gegenüber sehr aufgeschlossen. Wir holten sogar einen PostgreSQL-Experten als Berater dazu.

Immer, wenn es bei ANSI um die Aufnahme von Vertretern von PostgreSQL ging, hiess es schnell, es gäbe keine Legal Entity und das Thema war wieder vom Tisch.

Oracle hatte / hat Vertreter in fast jedem Land. Bei IBM war es ähnlich.

Oracle stellte daneben in einigen Ländern den Chair (die Leitung) des Gremiums.

Der Chairman von WG 3 kam ebenfalls von Oracle. Ich erinnere mich, dass er auch noch eine leitende Rolle in SC 32 und/oder JTC 1 hatte.

Zweimal im Jahr tagt das internationale Gremium. Hier passiert die eigentliche Arbeit. Hier wird der Standard geschrieben.

Ein Land läd ein. Natürlich möchte sich das Land von der schönsten Seite zeigen und so sind die Meetings schon mal auf Hawaii oder Kreta oder auf einem Schloß in Bayern, Korea, London, Berlin, ... Die Reisen sind meist nicht ganz billig. Meeting-Fee gibt es auch ggf. noch. Ich habe sogar einmal erlebt, dass eine USA-Vertreterin als Diplomatin gereist ist.

Wieder Kosten, wieder etwas, was sich viele Open Source Gemeinschaften nicht leisten können.

Hier wird über jeden Vorschlag, jeden Fehlerreport diskutiert und der Standard endgültig geschrieben. In unserem Gremium hatten die Briten die Rolle des Korrekturlesens übernommen und so ist der SQL Standard in ziemlich britischem Englisch.

Durch die Diskussionen kommt es immer wieder zu Abstimmungen, die nicht vorhersehbar sind. Daher reisen die Länder i.d.R. mit so vielen Vertretern an, dass sie für Ihr Land eine Entscheidung treffen und eine Stimme abgeben könne. Auf diese Weise waren immer viele Vertreter aus den USA und aus Japan da. Aus Deutschland waren wir nur zu zweit bzw. zu dritt.

Natürlich gab es bei Oracle intern im Vorfeld absprachen, was nach Möglichkeit wie abgestimmt werden soll. Tja, manchmal waren nur alle anderen im Land dagegen. Bei IBM war das kaum anders.

Da Oracle und IBM Vertreter in den Gremien hatten, die sich zeitweise Fulltime damit auseinandersetzen, reichten sie entsprechende viele Vorschläge mit unendliche vielen Seiten ein. Für jemanden, der nur 10-20 Stunden pro Monat für den Standard hatte, kaum schaffbar zu lesen.

Fazit:
Standardisierung ist etwas für die großen Firmen. Wenn die EU sich wirklich auf standardisierte IT einlässt, bedeutet es das aus für Open Source / Free Software Alternativen. Dann werden nur noch die großen Amerikaner, wie Oracle, Microsoft, Cisco und SAP unsere IT-Landschaft beherrschen.

Ich halte das für eine große Gefahr.





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